You are here

You are here

Aga Khan erhält Toleranzpreis der Evangelischen Akademie Tutzing

Tutzing, Bayern, Deutschland, 20. Mai 2006 — Seine Hoheit der Aga Khan, Imam (spirituelles Oberhaupt) der ismaelitischen Muslime und Gründer des Aga Khan-Entwicklungsnetzwerks (AKDN; Aga Khan Development Network), sagte heute, die revolutionären Auswirkungen der Globalisierung und das bislang ungekannte Ausmaß an internationaler Migration erforderten die Entwicklung einer neuen „kosmopolitischen Ethik“, um konstruktiven Pluralismus und größere Toleranz in den unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften zu fördern.

Er sprach in der Evangelischen Akademie Tutzing anläßlich der Entgegennahme des Toleranzpreises, der ihm für seine Bemühungen um die Förderung eines größeren Verständnisses und Respekts zwischen Völkern und Kulturen sowie für sein Engagement bei der gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung in einigen der ärmsten Ländern der Welt verliehen wurde.

In seiner Dankesrede sagte der Aga Khan, die zunehmende weltweite Migration bedeute, daß „Menschen, die früher einmal durch ganze Kontinente getrennt waren, heute vis-à-vis in derselben Straße leben”.
„Doch Gesellschaften, die sich in ihrer Struktur pluralistisch entwickelt haben, sind nicht unbedingt pluralistischer in ihrer Geisteshaltung geworden“, fuhr er fort. „Was wir brauchen – und zwar auf der ganzen Welt –, ist eine neue ‚kosmopolitische Ethik’, die in einer starken Kultur der Toleranz wurzelt.“

Dies bedeute, daß man Animositäten überwinden müsse, die oft aus Angst oder einem mangelnden Verständnis für andere erwachsen seien, und daß man lernen müsse, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zusammenzuarbeiten.

„Die Ersetzung der Angst durch Hoffnung ist wahrscheinlich der antriebsstärkste Motor für den Fortschritt“, sagte er. „Wenn die Hoffnung erst einmal Fuß faßt, dann ist auch eine neue Ebene von Toleranz möglich, obwohl sie vielleicht jahrelang unbekannt war.“

Die Evangelische Akademie Tutzing ist bekannt als Begegnungsstätte für maßgebliche Persönlichkeiten des politischen, kulturellen und religiösen Lebens. Den 2000 gestifteten Toleranzpreis verleiht die Akademie alle zwei Jahre an Persönlichkeiten, die durch ihr Lebenswerk dazu beitragen, größeres Verständnis und Toleranz zwischen unterschiedlichen politischen, kulturellen und religiösen Traditionen zu schaffen.

„Der Aga Khan fördert eine Kultur der Toleranz, die durch eine pluralistische Weltsicht definiert ist“, heißt es in der Preisbegründung der Jury. „Er glaubt, daß die Achtung vor dem Pluralismus, die Wertschätzung und Verteidigung der Vielfalt von Kulturen, Nationalitäten und Religionen auf der ganzen Welt entscheidend für die Friedenssicherung sind.“

In seiner Laudatio würdigte der deutsche Außenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier die philanthropischen Aktivitäten des Aga Khans und seine Bemühungen um die Förderung größerer Toleranz in der Welt.

„Wir ehren einen außergewöhnlichen Mann, einen großen Freund der Menschheit, einen mutigen Visionär und einen Brückenbauer zwischen den Gesellschaften“, so Steinmeier in seiner Rede. Auf die Arbeit des Aga Khan-Entwicklungsnetzwerks eingehend, sagte der Minister: „Nur wenn die Menschen Zugang zu Bildung und Ausbildung haben und für ihre Gesundheit gesorgt ist, können demokratische und pluralistische Gesellschaften entstehen. Dies ist Ihre Richtschnur, Ihr Leitmotiv.“

Der Aga Khan sprach von seiner persönlichen Erfahrung als jemand, der im Westen ausgebildet wurde, aber seit knapp fünfzig Jahren vor allem in den Entwicklungsländern tätig ist, und sagte, sein Bekenntnis zum Prinzip der Toleranz resultiere aus seinem religiösen Glauben und aus seiner Rolle als erblicher Imam der ismaelitischen Muslime.

Im Unterschied zu der historischen Tendenz des Westens, das Weltliche vom Religiösen zu trennen, sei die Untrennbarkeit zwischen Glauben und Welt, so der Aga Khan, eines der zentralen Elemente des islamischen Glaubens. „Beides ist eng miteinander verwoben”, sagte er. „Zusammen bilden sie einen ‚Way of Life’. Deshalb bestehen die Rolle und die Verantwortung eines Imam darin, den Glauben gegenüber der Gemeinschaft auszulegen und gleichzeitig alles zu tun, was in seiner Kraft steht, um die Qualität und Sicherheit ihrer täglichen Lebensbedingungen zu verbessern.“

Er erklärte, die alten Lehren des Islam – ebenso wie diejenigen anderer großer Religionen – bekräftigten sowohl die Einheit der Menschen als auch ihre Unterschiedlichkeit. Trotz der langen Geschichte religiöser Konflikte gebe es auch eine „Gegengeschichte“, in der Toleranz als zentrale Tugend im Mittelpunkt der Religion stehe.

„Es verblüfft mich, wie viele moderne Denker noch immer dazu neigen, Toleranz mit Weltlichkeit in Verbindung zu bringen – und Religion mit Intoleranz“, sagte er. „In ihren Augen – und ich fürchte, oft auch in den Augen der Öffentlichkeit – ist Religion ein Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.“

Wenn heutzutage immer wieder von einem unvermeidlichen „Kampf der Kulturen“ in unserer Welt gesprochen werde, so meinten diese Leute damit oft einen unvermeidlichen „Kampf der Religionen“, sagte er. Das entscheidende Problem im Verhältnis zwischen der muslimischen Welt und dem Westen sei vielmehr ein „Kampf der Ignoranz“, dem es durch „intensive erzieherische Maßnahmen“ zu begegnen gelte.

„Anstatt uns gegenseitig zu beschimpfen, sollten wir einander zuhören – und voneinander lernen“, sagte er. „Unsere ersten Lektionen könnten sich dabei auf die wirkungsvollen, aber oft vernachlässigten Kapitel in der Geschichte konzentrieren, als die islamische und europäische Kultur kooperativ – konstruktiv und kreativ – zusammenwirkten und dazu beitrugen, einige der grandiosesten Errungenschaften menschlicher Zivilisation hervorzubringen.“

Der Aga Khan ist der vierte Empfänger des Toleranzpreises. Erster Preisträger war 2000 der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog, der für sein Eintreten für den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen geehrt wurde. Den zweiten Preis erhielt 2002 der renommierte Pianist und Dirigent Daniel Barenboim für seine umfassenden Bemühungen, Palästinenser und Israelis durch die Musik zusammenzubringen. Der Preisträger des Jahres 2004 war der schwedische Autor, Theaterproduzent und Regisseur Henning Mankell, der sich als unermüdlicher Aktivist für Entwicklung und Veränderung in Afrika, insbesondere während des Apartheid-Regimes in Südafrika, dafür einsetzt, das Bewußtsein für die Möglichkeiten zu erweitern.

Weitere Informationen über:
Dr. Friedemann Greiner
Direktor und Jury-Vorsitzender
Evangelische Akademie Tutzing
Schlossstraße 2 + 4 - 82327 Tutzing
Telefon: 08158 2510 Telefax: 08158 996444
Internet: http://www.ev-akademie-tutzing.de

Ms Semin Abdulla
Secretariat of His Highness the Aga Khan
Aiglemont
60270 Gouvieux
France
Telefon: 33 3 44 58 40 00
Fax: 33 3 44 58 42 79
e-mail: information@aiglemont.org
website: www.akdn.org

Hinweise:
Der Aga Khan ist der 49. erbliche Imam (spirituelles Oberhaupt) der ismaelitischen Muslime und ein direkter Nachfahre des Propheten Mohammed (Friede sei mit ihm). Der Absolvent der Harvard University in islamischer Geschichte folgte seinem Großvater 1957 als Imam der Ismaeliten.

Er ist der Gründer des Aga Khan-Entwicklungsnetzwerks (AKDN; Aga Khan Development Network), einer Gruppe privater, nicht konfessionsgebundener Entwicklungsagenturen, die auf unterschiedlichsten Gebieten tätig ist: vom Gesundheits- und Unterrichtswesen über Architektur, Kultur und ländlicher Entwicklung bis hin zur Förderung der ökonomischen Entwicklung durch privatwirtschaftliche Unternehmen. Das AKDN, das in dreißig Ländern operiert, will Gemeinschaften und Einzelpersonen in oft benachteiligten Situationen befähigen, ihre Lebensbedingungen und Chancen zu verbessern, vor allem in Ländern Schwarzafrikas, Süd- und Zentralasiens sowie des Nahen Ostens.

Beziehungen zwischen dem AKDN und Deutschland bestehen seit 1992, und 2004 unterzeichnete das AKDN ein Partnerschaftsabkommen mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Hinblick auf eine verstärkte wirtschaftliche Kooperation. Heute arbeitet das AKDN mit deutschen Institutionen bei vierzig Projekten in neun Ländern und sechs Sektoren zusammen.

Im vergangenen Jahr wurde der Aga Khan in Berlin für sein Lebenswerk mit dem Quadriga-Preis geehrt.