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His Highness the Aga Khan

Evangelischen Akademie Tutzing Anlässlich der Verleihung des "Toleranzpreises"

20 May 2006

 

Please also see: Press Release, Address by His Highness the Aga Khan (English), Speech by Foreign Minister Steinmeier (English and Deutsch) and Photographs

Bismillah-ir-Rahman-ir-Rahim
Herr Minister
Dr. Greiner
Herr Landesbischof
Sehr verehrte Gäste
Meine Damen und Herren

Minister Steinmeier hat sehr noble Worte gefunden, für die ich ihm aufrichtig danken möchte. In diesen Zeiten des Mißverständnisses und gegenseitigen Mißtrauens kann ich der realistischen Einschätzung, mit der er als Außenminister die internationalen Beziehungen betrachtet, nur Beifall zollen. Ich weiß, daß er ein konstruktives Verhältnis zwischen dem Westen und der muslimischen Welt als einen entscheidenden Faktor für globalen Frieden und Stabilität betrachtet, und ich danke ihm für den Beitrag, den er zu diesem Ziel leistet.

Zutiefst dankbar bin ich auch für Ihre freundliche Einladung und Ihren großzügigen Preis. Diese Auszeichnung hat für mich insofern eine besondere Bedeutung, als ich dem Sinn und Zweck dieses Preises – die Förderung des Bewußtseins und der Achtung zwischen Völkern und Kulturen durch eine Diskussion politischer, kultureller und religiöser Themen – selber einen sehr hohen Stellenwert beimesse. Mit eben diesen Fragen will ich mich heute denn auch beschäftigen.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auf meine persönliche Erfahrung eingehen, als jemand, der im Westen ausgebildet wurde, aber seit knapp 50 Jahren vor allem in der Dritten Welt tätig ist. Mein besonderes Interesse in dieser Zeit galt den Ländern Süd- und Zentralasiens, Afrikas und des Nahen Ostens, in denen die Gemeinschaft der Ismaeliten hauptsächlich lebt.

Seit ich Imam der Shia Imami Ismail-Muslime wurde, habe ich meine Welt – oder sollte ich sagen: die ganze Welt? – zwischen Verheißung und Enttäuschung hin und her schwanken sehen. In vielen Fällen sind die Enttäuschungen dem Fehlen einer Kultur der Toleranz geschuldet.

Zu meinen Erfahrungen gehört natürlich auch der religiöse Glaube, in dem ich aufgewachsen bin. Ich wurde in eine muslimische Familie hinein geboren, als Muslim erzogen und habe die Geschichte des Glaubens und seiner Zivilisationen jahrelang studiert. Mein Bekenntnis zu den Prinzipien der Toleranz erwächst auch aus dieser spirituellen Überzeugung.

Eines der zentralen Elemente des islamischen Glaubens ist die Untrennbarkeit zwischen Glauben und Welt. Beides ist so eng miteinander verwoben, daß eine Trennung gar nicht vorstellbar ist. Zusammen bilden sie einen „Way of Life“. Deshalb besteht die Rolle und Verantwortung eines Imam darin, den Glauben gegenüber der Gemeinschaft auszulegen und gleichzeitig alles zu tun, was in seiner Kraft steht, um die Qualität und Sicherheit ihrer täglichen Lebensbedingungen zu verbessern.

Es fasziniert mich – und frustriert mich auch ein wenig –, wenn Vertreter der westlichen Welt, vor allem die westlichen Medien, daran gehen, die Arbeit unseres Aga Khan Development Network im Bereich von Erziehung, Gesundheit, Wirtschaft, Medien und beim Aufbau gesellschaftlicher Infrastrukturen zu beschreiben.

Oft wird unsere Tätigkeit als Philanthropie oder als Unternehmertum bezeichnet, worin sich eine gewisse historische Tendenz des Westens widerspiegelt, das Weltliche vom Religiösen zu trennen. Was man hier nicht begreift, ist die Tatsache, daß diese Arbeit für uns Teil unserer institutionellen Verantwortung ist – sie ergibt sich aus dem Auftrag des Imamats, die Qualität des weltlichen Lebens für die betroffenen Gemeinschaften zu verbessern.

Natürlich wurzelt unser spirituelles Verständnis – ebenso wie das Ihrer Akademie – in alten Lehren. Im Islam gibt es zwei Prüfsteine, die ich seit langem hochhalte und anzuwenden versuche. Der erste bekräftigt die Einheit des Menschengeschlechts, wie sie im heiligen Koran zum Ausdruck kommt, wenn Gott durch den heiligen Propheten Mohammed – Friede sei mit ihm – folgende Worte spricht:

„O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch aus einem einzigen Wesen erschuf, aus ihm seine Gattin erschuf und aus ihnen beiden viele Männer und Frauen entstehen und sich ausbreiten ließ.“ (4:1)

Dieser bemerkenswerte Koranvers spricht sowohl von der Unterschiedlichkeit, die der Menschheit innewohnt – die „Vielzahl“ einerseits –, als auch von der Einheit des Menschengeschlechts – das „einzige von Gott erschaffene Wesen“ – ein spirituelles Vermächtnis, das die Menschheit von allen anderen Lebensformen unterscheidet.

Die zweite Stelle, die ich heute zitieren möchte, stammt vom ersten erblichen Imam der Schia, Hazrat Ali. Wie Sie wissen, spaltete sich die Schia nach dem Tod des Propheten Mohammed von den Sunniten ab. Hazrat Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, wurde nach Auffassung der Schia von diesem zur legitimen Autorität für die Auslegung des Glaubens ernannt. Für die Schia auf der ganzen Welt gilt er heute als der erste Imam.

Ich zitiere die Worte Hazrat Alis, damit Sie verstehen, in welchem Geist ich das Mandat auszufüllen versuchte, das mir als 49. ismaelitischer Imam nach dem Tod meines Großvaters übertragen wurde. Im Nahjul Balagha sagt er Folgendes:

„Kein Glaube ist wie Bescheidenheit und Geduld, keine Errungenschaft ist wie Demut, keine Ehre ist wie Wissen, keine Macht ist wie Nachsicht, und keine Hilfe ist zuverlässiger als Beratung.“

Durch die Achtung, die Hazrat Ali dem Wissen entgegenbringt, bekräftigt er die Vereinbarkeit von Glauben und Welt. Und sein Respekt vor der Beratung bedeutet meiner Ansicht nach ein Bekenntnis zu toleranten, aufrichtig demokratischen Prozessen.

An einer anderen Stelle ruft Hazrat Ali die Regenten auf: „Erfüllt euer Herz mit Gnade für die Untertanen [...] Denn sie sind zweierlei: entweder eure Glaubensbrüder oder euresgleichen vor der Schöpfung.“ Toleranz erwächst also aus unserer Gemeinsamkeit als Menschengeschlecht.

Diese islamischen Ideale spielten natürlich auch in anderen großen Religionen eine wichtige Rolle. Ungeachtet der langen Geschichte religiöser Konflikte gibt es ja auch eine „Gegengeschichte“, in der Toleranz als zentrale Tugend im Mittelpunkt der Religion steht – in der es um die Aufnahme des Fremden und die Liebe zum Nächsten geht.

„Wer ist denn mein Nächster?“, lautet die Frage in einer der ganz entscheidenden Erzählungen des Christentums. Jesus antwortet mit der Geschichte des barmherzigen Samariters – es ist ein Fremder, Repräsentant des Anderen, der über ethnische und kulturelle Grenzen hinweg Mitgefühl zeigt und sich des Unbekannten, der hilflos am Straßenrand liegt, erbarmt.

Ich weiß, daß Sie angesichts Ihrer eigenen spirituellen Fundamente an einer solchen Diskussion nichts Ungewöhnliches finden werden. Doch es verblüfft mich, wie viele moderne Denker noch immer dazu neigen, Toleranz mit Weltlichkeit in Verbindung zu bringen – und Religion mit Intoleranz. In ihren Augen – und ich fürchte, oft auch in den Augen der Öffentlichkeit – ist Religion ein Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.

Natürlich gibt es Gründe, wieso dieser Eindruck besteht. Die ganze Geschichte ist erfüllt von dunklen Kapiteln, in denen religiöse Konflikte schreckliche Konsequenzen nach sich zogen. Bisweilen resultierte das Problem – zumindest partiell – aus einem aggressiven Missionseifer, der Religion nicht so sehr als ein gemeinsames Anliegen betrachtete, sondern sie vielmehr oktroyierte. Auch in unseren Tagen lassen sich viele angeblich religiöse Stimmen vernehmen, die aggressiv auf einem einzigen Glauben bestehen und andere Glaubensrichtungen ablehnen oder verurteilen.

Heutzutage wird immer wieder von einem unvermeidlichen „Kampf der Kulturen“ in unserer Welt gesprochen; ich fürchte allerdings, was diese Leute oft meinen, ist ein unvermeidlicher „Kampf der Religionen“. Aber ich würde sowieso eine ganz andere Terminologie verwenden. Im Verhältnis zwischen der muslimischen Welt und dem Westen besteht das Grundproblem, so wie ich es sehe, in einem „Kampf der Ignoranz“. Und was ich – als ersten entscheidenden Schritt – dagegen empfehlen würde, wären intensive erzieherische Maßnahmen.

Anstatt uns gegenseitig zu beschimpfen, sollten wir einander zuhören – und voneinander lernen. Unsere ersten Lektionen könnten sich dabei auf die wirkungsvollen, aber oft vernachlässigten Kapitel in der Geschichte konzentrieren, als die islamische und europäische Kultur kooperativ – konstruktiv und kreativ – zusammenwirkten und dazu beitrugen, einige der grandiosesten Errungenschaften menschlicher Zivilisation hervorzubringen.

Wir müssen auch die ungeheure Vielfalt begreifen, die zwischen individuellen Glaubensrichtungen und Kulturen besteht, inklusive der Vielfalt und des Pluralismus, die heute innerhalb der islamischen Welt wirksam sind. Und wir müssen erkennen, daß ein solcher Pluralismus förderlich und bereichernd sein kann, daß er aber eben auch destruktive und tödliche Wirkungen entfalten kann – so wie in der Christenheit vor einem halben Jahrtausend und so wie in einigen Teilen der islamischen Welt zu Beginn dieses neuen Jahrtausends.

Mit einem Wort, Intoleranz kann aus einer bestimmten Art vorgeblich religiöser Einstellung resultieren, aber echte Toleranz kann auch ein zutiefst religiöses Bekenntnis sein.

Zu den spirituellen Wurzeln der Toleranz gehören nach meiner Auffassung der Respekt vor dem Bewußtsein des Einzelnen – das als Gottesgabe zu begreifen ist – wie auch eine Haltung religiöser Demut vor dem Göttlichen. Wenn wir unsere menschlichen Grenzen akzeptieren, dann können wir auch den Anderen als einen Wahrheitssuchenden respektieren – und einen Berührungspunkt in unserer gemeinsamen Suche finden.

Lassen Sie mich allerdings auch noch einmal betonen, daß Spiritualität kein Weg sein sollte, vor der Welt zu flüchten, sondern vielmehr ein Weg, sich aktiver für sie zu engagieren.

Es gibt eine Vielfalt von Möglichkeiten, wie wir daran arbeiten können, in einer turbulenten Zeit eine Kultur der Toleranz zu entwickeln. Viele von ihnen spiegeln sich in der Arbeit unseres Aga Khan Development Network wider. Ein Beispiel wäre etwa das neue Global Centre for Pluralism, das wir kürzlich in Ottawa eröffneten – in Partnerschaft mit der kanadischen Regierung. Für das Zentrum ist die Erfahrung, die die Gemeinschaft der Ismaeliten als Minderheit machen konnte, eine hilfreiche Quelle bei der Suche nach einem konstruktiven Pluralismus – zusammen mit dem pluralistischen Modell, das Kanada selbst bietet.

Die Probleme der Toleranz sind vielfältig – sowohl in den Industriestaaten als auch in den Entwicklungsländern. Die revolutionäre Auswirkung der Globalisierung bedeutet, daß viele, die sich vorher nie begegnet waren, jetzt ständig miteinander zu tun haben – sei es durch die modernen Kommunikationsmedien, sei es durch direkten Kontakt. Die Migration unter den Bevölkerungen hat auf der gesamten Welt ein nie dagewesenes Ausmaß angenommen; Menschen, die früher einmal durch ganze Kontinente getrennt waren, leben heute vis-à-vis in derselben Straße.

Doch Gesellschaften, die sich in ihrer Struktur pluralistischer entwickelt haben, sind nicht unbedingt pluralistischer in ihrer Geisteshaltung geworden. Was wir brauchen – und zwar auf der ganzen Welt –, ist eine neue „kosmopolitische Ethik“, die in einer starken Kultur der Toleranz wurzelt.

Vor einigen Jahren unterhielt ich mich einmal mit dem damaligen Präsidenten der Weltbank Jim Wolfensohn darüber, wie Glück in verschiedenen Gesellschaften wahrgenommen wird – und vor allem unter den Ärmsten der Armen. Wir befanden, daß es nötig sei, „auf die Stimmen der Armen zu hören“ – und die Weltbank gab eine umfangreiche Studie über dieses Thema in Auftrag. Unter anderem kam sie zu dem Ergebnis, daß das Gefühl der „Angst“ entscheidend dazu beiträgt, diese Gesellschaften in ihrer Entwicklung zu hemmen. Ein solche Angst konnte unterschiedlichste Formen haben: Angst vor Diktatoren, Naturkatastrophen, Krankheit, Korruption, Gewalt, Mangel und Verarmung. Und solche Ängste wurden zwangsläufig zu einer Quelle der Intoleranz.

Offenbar gibt es einen menschlichen – von Angst genährten – Impuls, „Identität“ als etwas Negatives zu definieren. Die Frage „wer wir sind“ beantworten wir oft dadurch, daß wir festlegen, gegen wen wir sind. Dieser Impuls zur Fragmentierung trennt nicht nur Menschen voneinander, sondern zersplittert auch Gemeinschaften in Untergruppen – und diese dann in neue Untergruppen und so weiter. Letztlich führt dies zur „Zerfaserung“ der Gesellschaft: Die Gemeinschaften ähneln immer mehr einem abgetragenen Kleidungsstück, dessen engmaschiges Gewebe sich in einzelne Fäden auflöst.

Doch die menschliche Neigung zur Uneinigkeit wird – dies ist meine feste Überzeugung – von einem zutiefst menschlichen Impuls begleitet, Trennendes zu überbrücken. Und je gefestigter wir in unserer eigenen Identität sind, desto wirksamer können wir anderen zu Hilfe kommen.

So wie unsere Animositäten aus Angst erwachsen, entsteht zuversichtliche Großzügigkeit aus Hoffnung. Wenn ich in einem halben Jahrhundert der Arbeit in den Entwicklungsländern eine wichtige Erkenntnis gewonnen habe, dann die, daß die Ersetzung der Angst durch Hoffnung wahrscheinlich der antriebsstärkste Motor für den Fortschritt ist.

Selbst in den ärmsten und abgelegensten Gemeinschaften konnten wir feststellen, daß sich erbitterte Konflikte, die Jahrzehnte, manchmal sogar Jahrhunderte andauerten, beilegen lassen, wenn man den Menschen nur Gründe gibt, gemeinsam für eine bessere Zukunft zusammenzuarbeiten – mit anderen Worten, wenn man ihnen Anlaß zur Hoffnung gibt. Und wenn die Hoffnung erst einmal Fuß faßt, dann ist auch eine neue Ebene von Toleranz möglich, obwohl sie vielleicht jahrelang unbekannt war.

Toleranz, die aus der Hoffnung erwächst, ist mehr als eine negative Tugend – mehr als eine bequeme Art und Weise, sektiererische Spannungen zu reduzieren oder gesellschaftliche Stabilität zu fördern – mehr als eine nachsichtige Haltung, wenn die Ansichten anderer mit unseren eigenen kollidieren. Betrachtet man sie nicht als blassen religiösen Kompromiß, sondern als heilige religiöse Pflicht, dann kann Toleranz zu einer wirkungsvollen positiven Kraft werden, zu einer Kraft, die uns allen die Möglichkeit gibt, unseren Horizont zu erweitern – und unser Leben zu bereichern.

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