Aga Khan Development Network
 

What's New

General News

Press Releases

Speeches

Spotlights

Publications

In the Media

E-mail Bulletin Archives

Photos & Slide Shows

Videos

Podcasts

Awards received

Grant News

Rss

His Highness the Aga Khan

Rede Seiner Hoheit des Aga Khans auf der Jahreskonferenz der deutschen Botschafter (Berlin, Deutschland)

06 September 2004

 

Please also see: English version and Press Release (English) and (Deutsch)

Herr Aussenminister Fischer, 
Verehrte Ministerinnen und Minister, 
Botschafterinnen und Botschafter und Vertreter des diplomatischen Corps, 
Verehrte Gäste, 
Meine Damen und Herren.

Ich danke der Bundesregierung und Bundesaußenminister Fischer, dass sie mir die Ehre erweisen, vor hoch angesehenen Frauen und Männern sprechen zu dürfen, die über große Kenntnisse und tiefe Einblicke betreffend den Zustand der Welt verfügen. Sie sind in der Lage, die künftige Entwicklung der Welt in bessere Bahnen zu lenken.

Heute möchte ich über ein Thema sprechen, das über weite Strecken meines Arbeitslebens ein wichtiger Schwerpunkt war: die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung in vielen der ärmsten Regionen der Welt. Ich werde insbesondere versuchen, meinen Beitrag zur Beantwortung folgender grundlegender Frage zu leisten: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um Entwicklungsländer in friedliche und produktive moderne Gesellschaften umzuwandeln?

Wenn ich die Eskalation der Spannungen in der Welt und insbesondere die schrecklichen Ereignisse der letzten Tage betrachte, bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass durch kurzfristige Antworten, die inmitten einer Krise konzipiert werden, weder „friedliche“ noch „produktive“ moderne Gesellschaften geschaffen werden können. Ich möchte Ihnen heute darlegen, dass es grundlegende Fragen gibt, mit denen wir uns ständig und langfristig auseinandersetzen müssen, wenn wir das gewünschte Ergebnis erzielen wollen.

Ich betrachte diesen Komplex aus zwei Blickwinkeln: erstens als geistlicher Führer – Imam – der muslimischen Gemeinschaft der Schia Ismailiten. Wie die muslimische Ummah insgesamt sind die Ismailiten durch kulturelle Vielfalt geprägt. In über 25 Ländern auf dem ganzen Globus haben sie sich als Minderheit niedergelassen. Es gibt ismailitische Gemeinschaften in Süd- und Zentralasien, im Nahen Osten und in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. In den letzten Jahrzehnten haben die Ismailiten durch Migration auch in Westeuropa und Nordamerika eine erhebliche Präsenz erreicht.

Zweitens vertrete ich diese Meinung als jemand, der sich seit über 45 Jahren für die menschliche und wirtschaftliche Entwicklung in vielen der schwächsten Regionen der Welt einsetzt und dessen Wurzeln und institutionelle Verpflichtungen dort begründet sind.

Das Engagement des Imamat für die Entwicklungspolitik wird durch die Ethik des Islam bestimmt, die eine Brücke zwischen Glauben und Gesellschaft schlägt und das Fundament des von mir geschaffenen Aga-Khan-Entwicklungsnetzwerks, des so genannten AKDN, bildet. Seine mit der kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung befassten Einrichtungen wollen die Chancen und Lebensbedingungen der Schwächsten in der Gesellschaft verbessern, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihres Glaubens. Wir arbeiten mit vielen Partnern zusammen, auch mit Vertretern nationaler und internationaler Institutionen.

Mehrere meiner heutigen Ausführungen beziehen sich auf die Entwicklungsländer im Allgemeinen. Die weitestreichenden Erfahrungen haben wir jedoch in Ländern gesammelt, in denen muslimische Gruppen einen erheblichen Anteil oder die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Meine Äußerungen gelten daher insbesondere Themen, die sich auf die muslimische Welt einschließlich Afrikas, Asiens, des Nahen und des Mittleren Ostens beziehen.

Lassen Sie mich zunächst eine Passage aus der Rede von Bundesaußenminister Fischer auf der 40. Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik im Februar dieses Jahres zitieren. Er stellte fest, dass die Förderung von Frieden und Sicherheit weit über ausschließliche Sicherheitsfragen hinausgehen müsse. Wörtlich sagte er: „Soziale und kulturelle Modernisierungsfragen sind, genauso wie die Fragen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Frauenrechten und guter Regierungsführung, von fast noch größerer Relevanz.“

Bundesminister Fischer bezog sich konkret auf die Behandlung des Terrorismusproblems. Ich stimme ihm in diesem Punkt zweifellos zu. Ich bin ferner der Auffassung, dass die von ihm angeschnittenen Themen den Entwicklungsländern Anlass zu großer und ständiger Sorge geben. Selbst in den Entwicklungsländern, in denen Terrorismus kein Thema ist, hängt die Verbesserung der Lebensqualität entscheidend von Fortschritten in den von ihm genannten Bereichen ab.

Heute möchte ich mich auf drei Grundvoraussetzungen konzentrieren, die meiner Meinung nach für den erfolgreichen Übergang der ärmsten Länder der Welt zu modernen, friedlichen Gesellschaften ausschlaggebend sind, nämlich:

• eine stabile und kompetente demokratische Regierungsführung;
• ein Umfeld, in dem der Pluralismus geachtet und gefördert wird;
• eine durch Vielfalt gekennzeichnete und engagierte Zivilgesellschaft.

Ich halte diese Elemente für die wichtigsten Bestandteile einer globalen Entwicklungspolitik. Sie verstärken sich nicht nur gegenseitig, sondern ermöglichen es sich entwickelnden Gesellschaften auch, den Prozess zu steuern und ihm letztlich Nachhaltigkeit zu verleihen.

Meiner Meinung nach müssen wir in diesen drei Bereichen gleichzeitig tätig sein. Wir dürfen aber nicht erwarten, dass sich die Fortschritte in jedem Bereich im gleichen Tempo vollziehen. Wir sollten auch nicht davon ausgehen, dass sie sich nacheinander vollziehen. Wir müssen auch Rückschläge und Misserfolge einkalkulieren. Dies erfordert den multilateralen Einsatz von Ressourcen zum Aufbau von Kapazitäten. Andernfalls leiden Millionen von Menschen, während wir auf Vollkommenheit warten.

Wenden wir uns zunächst der Demokratie zu.

In den 90-er Jahren kam der Begriff „scheiternder Staat“ auf; mit ihm wurde die Situation in Ländern wie Afghanistan, Bosnien, Liberia und Somalia beschrieben. Heutzutage lenken solche Beschreibungen lediglich von den tatsächlichen Problemen ab. Denn neben Massenvernichtungswaffen, HIV/Aids und dem Klimawandel stellen heute weltweit nicht scheiternde Staaten – Staaten selbst scheitern nicht – die größte Bedrohung dar, sondern das Scheitern der Demokratie in fast vierzig Prozent der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Dieses Scheitern ist in einem Großteil der muslimischen Länder, in Lateinamerika, Osteuropa und Afrika zu beobachten.

Bei meinen Besuchen in afrikanischen Ländern wie Mali und Uganda, in Ländern des Nahen Ostens wie Syrien und in asiatischen Staaten wie Kirgisistan und Pakistan haben die führenden Politiker mir gegenüber ihre tiefe Sorge und ihre Enttäuschung über das Scheitern der Demokratie und die sich daraus ergebende Unfähigkeit zum Ausdruck gebracht, Regierungen einzusetzen, die den Erwartungen ihrer Völker gerecht werden können. Sie würden Unterstützung bei Bildungsmaßnahmen im Bereich Demokratie begrüßen.

Leider beobachten wir heute in immer mehr Entwicklungsländern, in denen Parlamentswahlen Tradition haben, eine Aufspaltung der nationalen politischen Parteien in Splittergruppen, die sich auf engstirnige Interessen gründen. Koalitionsregierungen werden von führenden Politikern zusammengeschustert, die wenig Erfahrung im Umgang mit vielen Splittergruppen haben.

Wir brauchen uns nur die jüngere Geschichte Westeuropas vor Augen zu führen, um zu erkennen, welche Schwierigkeiten solche Koalitionsregierungen für eine effektive und demokratische Regierungsführung mit sich bringen können. Jahrelang wurde in einigen Ländern die Lebensdauer von Regierungen in Monaten gemessen. Die Herbeiführung eines Konsenses im Hinblick auf korrigierende verfassungsrechtliche Änderungen und deren Umsetzung waren eine ebenso große Herausforderung.

Wie sinnvoll ist also die Überlegung, dass eine afrikanische Regierung, die plötzlich nach Jahren der Mehrheit einer einzigen Partei mit einer zersplitterten Koalition zurechtkommen muss, in der Lage sein könnte, dieses Problem mit einer solchen Reife zu lösen, dass es die Erwartungen seines Volkes hinsichtlich eines besseren Lebens erfüllen kann?

Wichtig ist folgende Erkenntnis: Die Demokratie ist ein zerbrechliches Gebilde. Sie kann jederzeit in jeder Gesellschaft scheitern. Die Erfahrungen Europas in den letzten fünfzig Jahren sollten uns auch eine andere traurige Binsenwahrheit deutlich vor Augen führen. Wahlen und die Existenz politischer Parteien sind als solche noch lange kein Garant für stabile Regierungen, eine kompetente politische Führung und die Achtung der Verfassung. Sie sind auch kein Garant für eine gute Wirtschaftsführung und nicht vorhandene Korruption.

Angesichts dessen, dass diese Erfahrung an der Geburtsstätte der Demokratie gemacht wurde, bitte ich Sie eindringlich, demokratische Experimente im Nahen Osten und in den Entwicklungsländern im Allgemeinen geduldig zu unterstützen.

Zuweilen lese ich, der Islam stehe im Widerspruch zur Demokratie. Ich muss Ihnen jedoch sagen, dass ich als Muslim nicht wegen des Denkens der Griechen oder Franzosen, sondern wegen Grundsätzen Demokrat bin, die 1400 Jahre zurückreichen, direkt in die Zeit nach dem Tod des Propheten Mohammed (der Friede sei mit ihm). Damals diskutierten die Muslime darüber, wie die von ihm für die Übernahme einer Führungsrolle festgelegten Bedingungen am besten zu erfüllen seien. Das Prinzip einer umfassenden Befragung der Öffentlichkeit bei der Auswahl von Führungspersönlichkeiten in Angelegenheiten, die sich auf die staatliche und die zivile Verwaltung beziehen, wurde von Gruppen festgelegt, die sich zur sunnitischen Strömung zusammenschlossen. Das parallele Prinzip der auf direkte Nachkommen übergehenden Führungsrolle wurde von der Schia beibehalten. Die Muslime der damaligen Zeit legten ferner fest, dass Führungspersönlichkeiten nach Verdiensten und Kompetenzen auszuwählen seien. Diese vor 14 Jahrhunderten verankerten Prinzipien sind mit den demokratischen Modellen vereinbar, die es in der Welt von heute gibt.

Eine flüchtige Analyse der Landkarte des Nahen und Mittleren Ostens zeigt, dass in den nächsten Jahrzehnten höchstwahrscheinlich mehrere demokratische Regierungsformen erprobt werden dürften. Einige Staaten werden die republikanische Demokratie erproben, einige die konstitutionelle Monarchie und wiederum andere verschiedene Formen eines theokratischen Systems.

Es ist nicht möglich, das Ergebnis oder Tempo des Wandels vorherzusagen. Mit einiger Gewissheit können wir jedoch prognostizieren, dass das Kaleidoskop der sich verändernden Strukturen von internen Kräften bestimmt wird, wie dies bereits im Irak und in Afghanistan veranschaulicht wurde.

Ich persönlich sehe kein anderes Szenario angesichts der Vielzahl der Akteure und der unabdingbaren Notwendigkeit, dass alle konsultiert werden müssen, wenn ein Konsens herbeigeführt und gewahrt werden soll.

Daher bin ich der festen Überzeugung, dass diese indigenen Elemente genährt und unterstützt werden müssen. Wir müssen sicherstellen, dass sie solide Kenntnisse über die Elemente besitzen, welche die Demokratie und ihre Institutionen tragen bzw. schwächen.

Jede Entwicklungsstrategie muss daher Bildungsmaßnahmen und Unterstützung für die Entwicklung eines umfassenden Verständnisses der Institutionen und Abläufe einer konstitutionellen Demokratie beinhalten. Die formale Bildung, die auf der Ebene der Sekundarschulen einsetzt, kann hierbei eine Rolle spielen. Dies gilt aber auch für Programme wie den Austausch von Parlamentarierarbeitsgruppen, Gesetzgebungsexperten, hohen Regierungsbeamten und der Vielzahl von Akteuren der Zivilgesellschaft, einschließlich Journalisten, Pädagogen und Juristen. Wir müssen bestrebt sein, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis ein breites und tiefes Verständnis für die demokratische Kultur zu entwickeln.

Wenden wir uns nun der Frage des Pluralismus zu.

Wir alle haben erlebt, wie die Nichtbeachtung, oder schlimmer noch, Ablehnung des Pluralismus weltweit zu zerstörerischen Konflikten geführt hat, die zahlreiche Kulturen, Rassen, Nationalitäten und Religionen in Mitleidenschaft gezogen haben. Traurigerweise erfuhren diese Erkenntnisse in dramatischer Weise eine Bestätigung durch die Ereignisse in so unterschiedlichen Ländern wie Afghanistan, Tadschikistan, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo. Sie machen deutlich, von welch grundlegender Bedeutung es ist, dass in den Entwicklungsländern beim Aufbau der Demokratie der Schaffung und der Legitimierung des Pluralismus absoluter Vorrang gegeben wird.

Pluralistische Gesellschaften entstehen nicht zufällig von selbst in der Geschichte. Sie sind das Ergebnis einer aufgeklärten Bildungspolitik und des fortgesetzten Einsatzes der Regierung und aller Kräfte der Zivilgesellschaft für die Förderung und die Anerkennung eines der größten Werte der Menschheit - der Vielfalt ihrer Völker.

Ist es daher nicht Aufgabe einer aufgeklärten Regierung, wo auch immer in der Welt, zu gewährleisten, dass Pluralismus und die Erziehung zu Pluralismus auf jeder Agenda globaler Prioritäten einen zentralen Platz einnehmen?

Und doch vermitteln die Lehrpläne in westlichen Ländern und in Entwicklungsländern selten den jungen Menschen ein umfassendes Verständnis ihrer eigenen Kulturen, geschweige denn der religiösen, linguistischen, sozialen und künstlerischen Kräfte der sie umgebenden Gemeinschaften. Diese Erkenntnisse haben die Schulen des Aga-Khan-Entwicklungsnetzwerkes des Primär- und Sekundarbereichs und insbesondere sein neues Netzwerk akademischer Elitezentren – die Aga-Khan-Akademien – dazu gebracht, Lehrpläne zu erproben, die eine pluralistische Sicht der Welt vermitteln. Diese beruht auf Unterschieden im Aussehen, der Volkszugehörigkeit, der Religion und der Kultur. Sie werden von der Zusammenarbeit mit einigen der führenden internationalen Schulen, darunter auch Salem in Deutschland, profitieren, die unsere Partner in einer Internationalen Akademischen Partnerschaft sind.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es die jüdisch-christliche Welt für ein hoffnungsloses Unterfangen halten wird, zu versuchen, die Fragen der Demokratie, der Zivilgesellschaft und des Pluralismus in der muslimischen Welt zu lösen, wenn nicht von der jüdisch-christlichen Welt eine große Anstrengung – und ich meine eine wirklich große Anstrengung –gemacht wird, um ein tiefer gehendes und umfassenderes grundlegendes Wissen über die muslimischen Zivilisationen zu erlangen. Dies ist ein erster Schritt in Richtung Dialog und Verständigung.

Es wird eine systematische Anstrengung über mehrere Jahrzehnte sein müssen, um erfolgreich zu sein. Sie muss ein breites Spektrum von Schülern im Sekundarbereich erreichen und darf nicht auf das Fachwissen, das im Rahmen der Hochschulbildung erlangt wird, beschränkt sein, wie dies heute der Fall ist.

Als Muslim akzeptiere ich, dass eine so umfassende Anstrengung voraussichtlich abweisende Reaktionen einer Vielzahl von Kräften in der jüdisch-christlichen Welt hervorrufen wird.

Die Beziehungen zwischen dieser Welt und der Welt des Islam sind in der Geschichte durch die Haltung gegenüber den anderen Religionen bestimmt worden. Sie wurden in der Zeit der Kreuzzüge auf anschauliche und brutale Weise illustriert. Später ging es vor allem um die Frage, welcher Glaube besser geeignet sei, die Seele des Einzelnen zu erlösen. Bekehrertum war vermutlich die einzige starke Antriebskraft.

In den letzten Jahrzehnten ist in zahlreichen Ländern ein interreligiöser Dialog aufgenommen worden. Leider wird jedes Mal, wenn der Begriff „Glauben“ in einem solchen Zusammenhang verwendet wird, automatisch angenommen, dass die Frage des Bekehrertums unterschwellig mitschwingt. Doch Glaube ist letztendlich nur ein Aspekt der menschlichen Gesellschaft.

Daher müssen wir heute diese Frage unter dem Aspekt der Kulturen sehen, die übereinander etwas lernen und miteinander sprechen, und nicht allein unter dem eingeschränkteren Blickwinkel der interreligiösen Dialektik.

Ein solcher Ansatz wäre auch für die muslimische Welt äußerst nutzbringend. Er würde dazu führen, größeren Nachdruck auf das Kennenlernen des Pluralismus und des Reichtums der eigenen Geschichte sowie der Vielfalt der Länder, Kulturen, religiösen Institutionen und Interpretationen des Islam zu legen. Das Lernen darf nicht, wie es oft der Fall ist, auf die theologischen Fragen beschränkt bleiben.

Auch heute noch führen theologische Interpretationen und Bekehrertum dazu, in der christlichen Welt zwischen katholischen, orthodoxen und protestantischen Interpretationen zu unterscheiden, ebenso wie in der islamischen Welt zwischen Interpretationen der Sunniten und der Schia und ihren zahlreichen Untergruppierungen.

Ich würde mir wünschen, den Tag erleben zu dürfen, an dem die Definition einer gebildeten Person in der jüdisch-christlichen Kultur ein intelligentes Verständnis der muslimischen Welt beinhalten würde. Diese Person würde die herausragende Position der islamischen Zivilisationen im menschlichen Denken und Wissen würdigen können. Dies würde auch ein Verständnis ihrer Forschungstradition und Errungenschaften, von Philosophie und den Schönen Künsten bis hin zu Wissenschaft, Architektur und Ingenieurwesen, einschließen.

Das gegenwärtige Fehlen von Kenntnissen macht es unmöglich, einen Dialog zu begründen, da man keinen Dialog auf der Grundlage von Unkenntnis führen kann. Mit wem sollte man einen Dialog führen? Ohne einen fruchtbaren Dialog kann man keine kohärente und nachhaltige Außenpolitik verfolgen, da man nicht in der Lage sein wird, Dinge vorherzusehen. Man wird die Kräfte, die im Spiel sind, nicht verstehen.

Wie wäre man umgegangen mit der Lage in Kaschmir, Afghanistan, Irak und dem Mittleren Osten im weiteren Sinne oder den Philippinen, wenn die Hauptakteure eine umfassende Kenntnis der Geschichte und der Kultur jener Gegenden besessen hätten?

Wenden wir uns nun der Zivilgesellschaft zu. Keine der Initiativen, die ich erwähnt habe, kann erfolgreich sein, wenn es keine starke Zivilgesellschaft gibt, die für die Unterstützung von Pluralismus und letztendlich effizienten Demokratien von entscheidender Bedeutung ist.

Zur Zivilgesellschaft gehören Wohltätigkeitsorganisationen und nichtstaatliche Organisationen. Aber das ist nicht alles. Zu ihr gehören auch Organisationen, die mit der Professionalisierung bewährter Methoden betraut sind, wie Juristenvereinigungen, Buchhalterverbände, Ärzte, Krankenschwestern und Ingenieure. Die Zivilgesellschaft umfasst auch Handelskammern, Gewerkschaften und Journalistenvereingungen. Organisationen auf Dorfebene, Frauengruppen, Kleinstkreditinsitute, landwirtschaftliche Kooperativen sind ebenfalls wichtige Bestandteile.

Die Zivilgesellschaft leistet einen gewaltigen Beitrag zur menschlichen Entwicklung, da sie die Lücken zwischen Regierung, Wirtschaft und Familie ausfüllt. Sie übernimmt die Dinge, die der Staat nicht übernehmen kann, und unterstützt somit die Bürger beim Aufbau der Nation.

Das Wichtigste ist jedoch, dass die Zivilgesellschaft den menschlichen Fortschritt garantiert. Sie dient als Stabilisator oder Pfeiler in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche oder sozialen Stresses. Wenn Demokratien scheitern oder gescheitert sind, sind es die Institutionen der Zivilgesellschaft, die eine zusätzliche Last übernehmen können, um dazu beizutragen, Verbesserungen in der Lebensqualität zu erhalten.

In seiner Münchener Rede unterstrich Bundesminister Fischer die Bedeutung von Partnerschaften bei der Schaffung der indigenen Fähigkeit der Zivilgesellschaft in Entwicklungsländern.

Ich begrüße das Prinzip der Partnerschaften von ganzem Herzen. Die Institutionen der Zivilgesellschaft in Entwicklungsländern benötigen die Unterstützung von Fachleuten, wenn sie das Bollwerk demokratischer Prozesse sein und einen Beitrag dazu leisten sollen, den Menschen zu helfen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Partnerschaften können vielfältige Formen haben. Es gibt Partnerschaften zwischen Institutionen, Unterstützung durch Experten in Bildungs- und Gesundheitswesen und die Gewährleistung ständiger Weiterbildung für Menschen vor Ort in Bereichen wie Krankenpflege, Journalismus, im Wohltätigkeitssektor und bei gemeinnützige Aktivitäten.

Deutschland und das AKDN arbeiten bereits umfassend und in immer stärkerem Maße in gefährlichen und schwierigen Gegenden wie Pakistan, Afghanistan und Mittelasien zusammen. Über eine Vielzahl von Organisationen auf Dorf- und Gemeindeebene ermutigen wir die Menschen, ihre Antagonismen zu überwinden und zusammenzuarbeiten, um Lösungen für gemeinsame Probleme in ihrem Streben nach einem besseren Leben zu finden.

Nordpakistan ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie diese Unterstützung der Zivilgesellschaft und des Pluralismus die Demokratie stärken kann. Wir arbeiten in dieser abgeschiedenen Region seit mehr als 20 Jahren, seit 1992 mit deutscher Unterstützung. Etwa 3.900 Organisationen auf Dorfebene sind geschaffen worden, die sich mit einer breiten Palette von Fragen, die von Fraueninitiativen über die Wassernutzung bis hin zu Sparen und Krediten reichen, befassen. Das wirtschaftliche Wachstum dort ist beeinduckend, und an die Stelle der Feindseligkeiten, die aus der Verzweiflung heraus entstanden, trat Zusammenarbeit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Bei den letzten Kommunalwahlen schnitten die Leiter dieser Gemeinschaften von all denen, die gewählte Ämter anstrebten und erhielten, am besten ab. Die Lektion, die wir daraus ziehen können, ist, dass die Demokratie auch in den entlegensten ländlichen Gegenden funktionieren kann, auf die sich ein Großteil unserer Haupttätigkeit konzentriert, wenn man geduldig ist und daran arbeitet, bei den Einwohnern eigene Fähigkeiten zu entwickeln.

Das AKDN hat begonnen, seine Unterstützung für Demokratie, Pluralismus und Zivilgesellschaft durch die Gründung eines Globalen Zentrums für Pluralismus in Ottawa zu formalisieren. Dieses Bildungs- und Forschungszentrum wird eng mit Regierungen, Hochschulen und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, um rechtliche Rahmenstrukturen und Politiken zu unterstützen, die die Fähigkeit der lokalen Bevölkerung stärken, den Pluralismus zu fördern. Wir würden eine Beteiligung der Bundesregierung bei dem Bemühen, die Früchte dieser Arbeit in die Entwicklungsländer zu tragen, begrüßen.

Meine Damen und Herren, ich bin unendlich dankbar für die Zusammenarbeit zwischen dem AKDN und den deutschen Entwicklungshilfeinstitutionen. Sie zeigt den Umfang der Partnerschaft zwischen dem Westen und den Entwicklungsländern, insbesondere der muslimischen Welt. Ich möchte meiner Hoffnung und meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, dass unsere Partnerschaft fortgesetzt werden und von der Bereitschaft gekennzeichnet sein wird, innovativ zu sein, Risiken im Gegenzug für eine große Belohnung einzugehen, und die Geduld und Entschlossenheit für den langfristigen Einsatz, der erforderlich ist, aufzubringen.

Ich habe versucht, Ihnen die Lehren, die aus den besonderen Erfahrungen des AKDN und unserer Partner in Asien, Afrika und im Nahen und Mittleren Osten in der Entwicklungshilfe gezogen werden können, darzulegen.

Sie alle, die Sie hier versammelt sind, können die künftige Entwicklung der Welt in positiv mitgestalten. Jeder Einzelne von Ihnen möge in seiner Rolle als Botschafter darüber nachdenken, wie die Fragen, die ich genannt habe, dazu beitragen können, in strategischer Weise das Kaleidoskop der sich verändernden Strukturen in den Regionen und Verantwortungsbereichen, in denen Sie arbeiten, zu verändern.

Ist die Förderung der Demokratie ein ernsthaftes Anliegen in unserem Bestreben, die Entwicklungsländer in friedliche und produktive moderne Gesellschaften umzuwandeln? Wie können wir das Wachstum der Zivilgesellschaft nähren und fördern? Welche bildungspolitischen und kulturellen Ansätze können zu größerem Pluralismus, zu Verständnis und Dialog führen?

Und abschließend: Können wir, wenn wir auf diese Fragen antworten, die Gefahren verringern und die Chancen auf Erfolg bei der Unterstützung der Menschen in den Entwicklungsländern in ihrem Streben nach einem besseren Leben erhöhen?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Bookmark and shareBookmark & Share

Return to top